Erdbeerhof Louven

Die Geschichte des Erdbeerhof´s

Die Horst

Beiträge zur Geschichte

Autor: Otto Schröder, Bönen-Lenningsen 1995


Südlich des ehemaligen Rittergutes Haus Mundloh, an der Grenze zum heutigen Unna-Hemmerde, liegt die Horst, deren Besitzer in früherer Zeit Horstmann hießen. Da die Horst größter Hof in Flierich war, außer Mundloh, hatte sie die Hausnummer 1, denn die Reihenfolge der Hausnummern ergab sich aus der Größe der Höfe, so wie sie die Steuerliste auswies.

Der Name „Horst“ kann als eine „Fläche, wo vormals Bäume gestanden haben“, gedeutet werden. Die Horstmanns waren die einzige katholische Familie in der sonst rein evangelischen Gemeinde Flierich.

Nach einer Urkunde verkaufte Theoderich Harmann am 26. März 1307 vor dem Freistuhl des Grafen von der Mark sein Gut, genannt Westhorst, im Kirchspiel Vlederike, an das an der Möhne gelegene Kloster Himmelpforte. Anscheinend waren dabei Ansprüche des Bruders Dietrich Harmann nicht berücksichtigt worden, sodass darüber ein Streit entstand. Doch kam am 11 Februar 1339 ein Vergleich zustande, indem „aller bisheriger Unwille“ zwischen ihm und dem Kloster beseitigt wurde.

Aus dem Jahre 1364 wird urkundlich berichtet, dass das Gut Westhorst dem Kloster Himmelspforte zugehörig sei. Im Schatzbuch der Grafschaft Mark, das alle damals steuerpflichtigen Höfe der Grafschaft nennt, erscheint Jan ter Horst als Besitzer; das war 1486. Stephan Horstmann wird 1651 als Eigentümer erwähnt; 1705, 1735 und 1828 werden Horstmanns als Besitzer genannt. Nach der Grundsteuerliste von 1705 war die Horst damals 90 Scheffel groß das entspricht etwa 61 Morgen nach heutigem Maß. Daraus ergab sich eine Steuerschuld von 94 Reichsthaler, 7½ Stüber, das entspricht etwa 678 Mark.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat dann ein Wiemann aus Halingen auf die Horst eingeheiratet. Der Hofname war aber damals so stark, dass selbst dessen Sohn August im Volksmund zumeist noch Horstmann genannt wurde. Erst bei den Nachkommen des August Wiemann, der seine Kusine Auguste Wiemann aus Halingen geheiratet hatte, fiel der Name Horstmann allmählich ab.

August Wiemann war ein angesehener Bürger in seiner Fliericher Gemeinde und bekleidete mancherlei öffentliche Ämter. So war er u.a. Mitbegründer des Krieger und Landwehrvereins Flierich, Bramey-Lenningsen und Osterflierich und dessen Vorsitzender in den Jahren 1872-80 und 1982-84. Viele Jahre, bis 1917 war er zudem Gemeindevorsteher in Flierich.

Sein ältester Sohn Friedrich wurde Hoferbe, er verheiratete sich mit Grete Behring aus Fröndenberg. Als dann vor dem Ersten Weltkrieg die neu gegründete Gewerkschaft Bramey der Bergbaugesellschaft Königsborn mit der Planung einer Schachtanlage nördlich unweit des Hofes begann, verkaufte Friedrich Wiemann seinen Besitz im Jahre 1913 an die Zechengesellschaft. So geschah es auch mit Mundloh, Klothmann (heute Spiekermann), Berkhoff (heute Eickelberg) und Holtmann (heute Stemper) in Lenningsen.

Im Frühjahr 1914 wurde auch mit dem Abteufen des Schachtes begonnen, doch mussten die Arbeiten bei Kriegsbeginn in 30 Meter Tiefe unterbrochen werden. Sie wurden später nicht wieder aufgenommen. Der Schacht wurde zugemauert und später verfüllt, die Gebäude nach Jahren abgebrochen.

Friedrich Wiemann bewirtschaftete die Horst zunächst als Pächter bis zum 1. November 1918. Sein Vater war nach im Jahre 1917 auf dem Fliericher Friedhof beerdigt worden; dort ist sein Grabstein noch heute erhalten. Es hatten nämlich die Horstmanns/Wiemanns aus vorreformatorischen Zeiten Rechte in der Kirche in Flierich behalten, so auch das Recht, auf dem dortigen evangelischen Friedhof beerdigt zu werden. Auch Friedrich Wiemann bekleidete öffentliche Ämter, so war er von 1908 bis 1922 Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr Flierich.

Die Inflation der Nachkriegszeit ließ den Erlös der Hunderttausende aus dem Verkauf der Horst rasch wertloser werden. Es gelang Friedrich Wiemann aber noch, im Havelland in der Mark Brandenburg ein Gut mit mehr als 300 Morgen zu erwerben, das er Neuhorst nannte; doch konnte er dieses Gut nicht lange halten. 1952 starb er, der 1874 geboren war, in ärmlichen Verhältnissen.

Nachfolger als Pächter der Horst wurde von 1919 bis 1955 die Familie Gosselke aus Weslarn bei Soest. Am Ende des 2. Weltkrieges wurde am 9. April 1945 die Hofesscheune von den heranrückenden Amerikanern in Brand geschossen. Im September (?) 1950 brannte der Wirtschaftsteil des Wohngebäudes ab und am 4. Juli 1984 vernichtete ein Brand das Stallgebäude und die Werkstatt des Hofes.

Der Speicher ist 1842 von Friedrich Wiemann und Caroline Horstmann erbaut worden. Nach jahrelangem Streit mit den Behörden wurde er im Jahr 1994 - baufällig geworden - abgebrochen. Desgleichen im Jahre 1995 das kaum noch bewohnte Wohnhaus.

Rudolf Louven und seine Frau Silke, geb. Viefhaus, errichteten und bezogen mit ihren Kindern einen Neubau.

Das alte schlichte Fachwerkwohnhaus besaß im Innern eine bemerkenswerte Herdwandplatte aus Sandstein, die leider nicht erhalten geblieben ist. Sie war 260 x 90 cm groß, vierteilig mit Kruzifix und einer Sitzmadonna in den Außenfeldern sowie Rankenwerk und Inschriften:


IESUS DURCH DEINEN TODT HELFF MIR AUS ALLER NOTH -

MARIA O MUTTER MEIN LASS MEIN HAUS BEFOHLEN SEIN -

ANO 1960 D 10 OCT

Auf den Mittelfeldern inmitten von Verzierungen die Namen:

IOHANNES NICOLAUS WILMANN (Wiemann)

CLARA MARIA …….HOFF (Schäferhoff)


Als der Landwirt Heinrich Speckenwirth in Bramey wegen der dort durch den Bergbau bedingten Bodensenkungen in Bedrängnis geriet, übernahm er als Eigentümer im Tausch die Horst, während deren bisheriger Pächter Gosselke den Speckenhof von der Klöckner AG als Pächter übernahm.

Bis zum Jahre 1960 bewirtschaftete Speckenwirth die Horst selbst, um sie dann an die Familie Louven - aus Kempen im Rheinland stammend - zu verpachten. Heinrich Speckenwirth und seine Frau Elfriede, geb. Schulze Buxloh, setzten sich in einem am Hof gelegenen neu errichteten Altenteil zur Ruhe. Das Kinderlos gebliebene Ehepaar vererbte seinen Besitz an Rudolf Louven, dem Sohn des bisherigen Pächters Willi Louven.

Zur Horst gehörte eine Mühle, die durch Wasserkraft angetrieben wurde. Um das Jahr 1800 haben dann aber wohl die Wassermengen des aus Hemmerde kommenden Baches, der Amecke, nicht mehr gereicht, um die unterschlächtige Mühle zu versorgen. Die steigenden Erträge des Getreideanbaus sowie die verstärkte Viehhaltung brachten sin sich stetig erhöhendes Aufkommen an Mahlgut. Es wurde an der Horstmühle ein Kesselhaus mit einem Dampfkessel und hohem Schornstein errichtet, sodass fortan auch in wasserarmen Zeiten gemahlen werden konnte. Letzter Pächter der Mühle war bis etwa 1935 der Müller Johan Mors; danach wurde der Mahlbetrieb eingestellt.

Östlich der Horst, unweit der jetzigen Landstraße von Flierich nach Hemmerde, lag vordem der Hof Schulze-Osthorst (Hausnummer 4). Der Name bezeichnet seine Lage zum benachbarten Gut Horst. Nach der Steuerliste des Jahres 1705 war der Hof 36 Scheffel = 60990 m² = 24,4 Morgen groß. Er war Pachtgut der Familie von der Recke zu Uentrop. Die Ländereien wurden dem Haus Mundloh zugeschlagen, nachdem der Hof vermutlich in der Mitte des 19 Jahrhunderts aufgehört hatte, zu bestehen. Der frühere Standort der Baulichkeiten war lange Zeit zu erkennen an einem umwucherten, verwunschenen Teich und alten Birnbäumen - einem romantischen Stückchen Landschaft.

Es ist zu vermuten, dass der in Lenningsen gelegene Hof Osthorst vor mehr als 200 Jahren von einem abgehenden Sohn des Hofes Schulze-Osthorst begründet worden ist.

Das Gut Horst ist nunmehr - im Jahre 1995 - nachweislich 688 Jahre alt und blickt zurück auf eine fast 700-jährige Geschichte wechselhaften westfälischen Bauerntums mit Höhen und Tiefen - mit einer hoffentlich gedeihlichen und glücklichen Zukunft.

 

Autor: Otto Schröder, Bönen-Lenningsen, 1995